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Meldungen aus dem Verein

|   Aktuelles aus Nürnberg

Echte Nürnberger teilen – Warum wir Wohnungsbau auch am Stadtrand brauchen

Flächen sollten zukünftig nicht mehr versiegelt werden, auch nicht für neue Wohnungen. So will es ein Bürgerbegehren und begründet sein Ansinnen mit stadtklimatischen Gründen. Was zunächst nachvollziehbar klingt, birgt in seiner Absolutheit ein Problem.

Große Wohnungsbauvorhaben für mehrere tausend Menschen in Randlagen Nürnbergs wären damit nicht mehr zu realisieren. Der ohnehin schwächelnde Wohnungsneubau käme wohl faktisch zum Erliegen.

Neue Wohnungen könnten nur noch in der Innenstadt entstehen durch Umnutzungen und Aufstockungen bestehender Gebäude.

Das Problem ist ein soziales: bei denjenigen, die bereits jetzt in stark verdichteten Gebieten leben, würde es noch enger, während die großzügigen grünen Außenbezirke keinerlei Last zu tragen hätten.

„Damit trägt nicht mehr die gesamte Stadtgesellschaft die Herausforderung des Wohnungsbaus, sondern nur noch ein bestimmter Teil der Bevölkerung“, so Gunther Geiler, Geschäftsführer des DMB Nürnberg.

„Bei der Schaffung neuer Wohnungen geht es um das Teilen der eigenen Stadt. Dazu müssen alle einen Beitrag leisten. Von den Menschen in den stark verdichteten Quartieren zu erwarten, dass sie noch enger zusammenrücken, wenn gleichzeitig in eigenheimgeprägten grünen Randlagen freie Flächen unangetastet bleiben, ist das sozialpolitisch falsch. Sinnvolle und verträgliche Aufstockungen und Umnutzungen in den Innenstädten sind und bleiben wichtige Teile der Stadtentwicklung – aber sie dürfen nicht die einzigen werden. Auch die städtischen Randgebiete müssen weiterhin ihren Beitrag leisten.“

Dass Flächen keinesfalls leichtfertig und nur dort versiegelt werden sollten, wo es gesellschaftlich nicht anders machbar ist, ist bereits jetzt übereinstimmende Haltung praktisch aller politischen Akteure.

Dennoch: Nürnbergs Bedarf an Wohnungen wächst – die aktuelle Bevölkerungszahl bewegt sich mit 541.000 auf einem Rekordhoch. Und diese Bewohner müssen wohnen. 2.000 Wohnungen würde Nürnberg brauchen – pro Jahr auch auf bisher unversiegelten Flächen – das lässt sich nicht vermeiden. Der wachsende Wohnungsbedarf entsteht allein schon durch eine alternde Stadtbevölkerung, aber auch durch den Zuzug Junger, die ihre Hoffnung auf einen Start ins Berufsleben am ehesten in der Frankenmetropole erfüllt sehen und natürlich auch durch Menschen, die vor Kriegsnot fliehen.

Zuziehende können eine große Chance sein für die städtische Zukunft, aber auch wohnungspolitische Herausforderung – und tatsächlich auch eine gewisse Last - denn sie alle wollen wohnen.

Wohnraum zu schaffen, wäre bei Erfolg des Bürgerbegehrens nur noch in wenigen zentrumsnahen und bereits jetzt hochverdichteten Gebieten möglich, nämlich durch Aufstockung oder Umnutzung. Und wo sollen in diesen längst dicht bebauten Gebieten die Schulen entstehen, wo die zusätzlich benötigten KiTas? Wo die Pflegestützpunkte für zusätzliche Bewohner?

Wo sollen die zusätzlichen Kinder spielen, wo treffen sich die Jugendlichen? Wie viele Bänke im Schatten von ohnehin seltenen Bäumen gäbe es für zusätzliche Bewohner? Bereits jetzt spürt man: die Wohnraumknappheit erschwert die Suche nach Wohnungen. Doch auch die, die derzeit das Glück haben, eine Mietwohnung bereits zu haben, dürfen sich nicht in Sicherheit wiegen: steigende Knappheit würde zu weiteren Steigerungen auch ihrer Mieten führen. Keine Frage: wenn Städte wachsen, müssen Menschen zusammenrücken. Aber alle. Deswegen wurden bereits auch Nachverdichtungen in innerstädtischen, dichten Gebieten unumgänglich. Aber diese sehr zentrumsnahen Gebiete können nicht die gesamte Last tragen. Und eng ist es in Gibitzenhof oder Gostenhof bereits jetzt.

Ginge es nach dem Willen der Initiatoren des Bürgerbegehrens, blieben Umlandgebiete wie Wetzendorf oder Reichelsdorf von den Veränderungen verschont. Mit ihnen Stadtviertel, deren Bewohnerschaft oft ein von Garten umgebenes Haus ihr Eigen nennt und sich über vergleichsweise viel Grün und viel Fläche pro Bewohner freuen kann. Eigenheime werden nur selten vermietet. In den meisten Fällen stehen sie im Eigentum der Bewohner. Wie die Mieten sich entwickeln, dürften viele davon bestenfalls als Beobachter verfolgen. Betroffen sind sie nicht.

Nach städtischen Planungen sollen in diesen Gebieten, zum Beispiel an der alten Reichelsdorfer Radrennbahn und in Wetzendorf, viele dringend benötigte Wohnungen entstehen. Nicht irgendwelche: ein erheblicher Teil als mehrstöckige Mietwohnungen. Und davon wiederum ein erheblicher Teil geförderter Wohnungen. Ginge es nach dem Willen des Bürgerbegehrens, würde all das unterbleiben.

Doch welche Menschen träfe dann die alleinige Last zusätzlicher Verdichtung? Das lässt das Bürgerbegehren unausgesprochen. Wohl aus gutem Grund, denn die Antworten sind sozialer Sprengstoff.

Es sind die Menschen, die derzeit bereits in hochverdichteten Gebieten auf deutlich weniger städtischen Raum leben als Bewohner großzügiger Randlagen. So stehen jedem Bewohner in Gibitzenhof 77 qm städtischen Raums zur Verfügung. Wer in Reichelsdorf/Katzwang/Reichelsdorfer Keller lebt, hat mit 817 qm des städtischen Gebiets – mehr als 10 mal so viel. Teilen sollen also die, die bereits jetzt weniger haben?

Mit der Verlagerung der gemeinsamen Aufgabe der Verdichtung ins Zentrum träfe man mit der dortigen Bewohnerschaft eine Bevölkerungsgruppe mit einem höheren Anteil an wirtschaftlich Schwachen und Menschen ausländischer Herkunft. In den eigenheimgeprägten Außenlagen ist der Anteil an Transferleistungsbeziehern ebenso wie der der Menschen ausländischer Herkunft deutlich kleiner.

Lastenverteilung nach Vermögen oder Herkunft? Das beabsichtigt sicher niemand, auch nicht die, die sich gegen derzeit geplante Bauvorhaben wehren. Es wäre jedoch die Folge, die man wissentlich in Kauf nehmen würde.

Aber müssen Umwelt und Klima, Flächensparsamkeit nicht Opfer wert sein – eventuell sogar solche? Ja, sagen Bürgervereine und Initiativen der Stadtteile, in denen große Neubaugebiete liegen würden. Der Lebensentwurf vieler Bewohner in Reichelsdorf oder Wetzendorf, die sparsamen Umgang mit Flächen vor ihrer Haustür fordern, spricht indes eine andere Sprache.

Die Bewohner der Ein- und Zweifamilienhäusern in Randlagen wie Wetzendorf oder Reichelsdorf verbrauchen mit dieser Wohnform nicht nur um ein Vielfaches mehr Fläche, als eine Wohnung in einem mehrstöckigen Mehrfamilienhaus benötigt, sondern auch mehr CO2-verursachende Energie. Kaum noch ins Gewicht fällt da, dass mit 49 qm pro Person die Wohnungen zudem knapp 2/3  größer sind, als die der Gibitzenhofer, die sich mit rund 30 qm Wohnfläche begnügen. Flächensparsamkeit von anderen zu fordern ist da schwer nachvollziehbar.

Dass die Einwohner in den Randlagen pro Einwohner fast doppelt so viele KFZ besitzen wie die Bewohner des verdichteten Zentrums passt nicht zum Argument der dort ansässigen Initiativen und Bürgervereine, das Stadtklima schützen zu wollen.

“Wohnungsbau gern, aber nicht in meinem Vorgarten - das ist der Eindruck, der entsteht”,  so Geiler. Und das sei fatal, denn eine Stadt funktioniere nicht, wenn niemand die Stadt, sondern jeder seinen Vorgarten schütze.

Wohnraum zu schaffen kann ein schwieriger Spagat sein zwischen verschiedenen Zielen, die sich nur schwer in Einklang bringen lassen: Ziele des Umweltschutzes, der sozialen Gerechtigkeit und der gerechten Verteilung von Wohlstandsvorteilen. Sorgfältige Stadtplanung muss diese Belange in Einklang bringen. Natürlich wird man auch mit Aufstockung noch Wohnungen schaffen können - wo das möglich ist, ohne dass man Nachbarschaft, Kitas und Infrastruktur überlastet. Man muss auch fragen, welche weiteren Potenziale in der Umnutzung von Gewerbeimmobilien liegen. Aber eben auch, welche Lasten entstehen und ob diese gerecht in der Stadtgesellschaft verteilt werden.

Menschen sind bereit zu teilen, wenn sie sehen, dass auch der andere teilt. Ein Vorschlag, der die Lösung nur auf einer Seite sucht und den einen oder den anderen Aspekt vollständig ausblendet, gefährdet das, was eine Stadt ausmacht - ihren Zusammenhalt.

 

Datenquellen: Auszug Innergebebietliche Strukturdaten Nürnberg 2021 - www.nuernberg.de/imperia/md/statistik/dokumente/veroeffentlichungen/tabellenwerke/gebietszahlen/auszug_innergebietliche_strukturdaten_nbg_2021.pdf

Wohnungsmarkt-beobachtung 2021 - www.nuernberg.de/imperia/md/wohnen/dokumente/wmb_2021.pdf

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